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Weitere Teile der Berliner Mauer sichern und in Gedenkkonzept einbeziehen

74. Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses, 25. Februar 2021

Zu "Weitere Teile der Berliner Mauer sichern und in Gedenkkonzept einbeziehen" (Priorität der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen)

Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion Die Linke und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Drucksache 18/3404

Dr. Michail Nelken (LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Warum 31 Jahre nach dem Mauerfall noch irgendwelche Spurenelemente der Grenzanlagen suchen und sichern? Vor 15 Jahren hat der damalige Kultursenator Flierl von der PDS/Die Linke das Mauerkonzept zur Diskussion mit der Stadtgesellschaft erarbeitet und dann hier dem Haus vorgelegt. Es ist seitdem für das Mauergedenken der Rahmen, in dem wir uns bewegen. Ich darf daraus einmal einen Satz zitieren:

Wie an keinem anderen materiellen Zeugnis der Vergangenheit, lassen sich die Nachkriegsentwicklung Berlins, die Teilung der Stadt, Deutschlands und Europas und deren Überwindung im Berliner Stadtraum selbst erinnern.

Ich denke, wir haben an die Mauer ganz unterschiedliche Erinnerungen. Ganz viele Menschen kennen diese Grenzanlage gar nicht mehr. Sie haben sie aus eigenem Erleben niemals gesehen.

[Ronald Gläser (AfD): Wir haben sie nicht vergessen!]

– Das kann ich mir denken. – Die Mauer ist einfach ein Symbol für das SED-Regime, für Unfreiheit, für Willkür, für Todesstreifen, für Selbstschussanlage, Leid und Tod.

Das Mauergedenkkonzept ist aber umfassender und komplexer. Es hat ein Ziel, diese gesamte Grenzanlage durch die ganze Stadt als historisches Gesamtzeugnis für die furchtbaren und absurden Auswüchse der Systemauseinandersetzungen im Kalten Krieg in Erinnerung zu halten. Ich selbst war, als die Grenze geschlossen wurde, neun Jahre alt. Ich habe viele Kilometer von der Mauer entfernt gelebt und nahm sie überhaupt nicht wahr. Erst als ich zur Erweiterten Oberschule kam, gehörte die Mauer zu meinem Alltag, weil das Schulgebäude direkt an der Mauer stand. Wir konnten aus den Fenstern des Schulgebäudes in die Grenzanlage einsehen, wie sie ausgebaut worden ist.

Die Mauer, die bedrückte mich nicht. Sie jagte mir keinen Schrecken ein. Sie war einfach da. Sie war einfach da und Teil meines Alltags, auch als ich dann in Prenzlauer Berg wohnte. Man lag auf der Wiese am Falkplatz, direkt hinter der Hinterlandmauer unter dem Wachturm. Da spielten die Kinder, wir saßen in der Sonne. Nur manchmal dachte ich über die Relativität von Entfernungen nach, denn die Häuser im nahen Wedding waren 200 Meter bis 300 Meter weit weg. Sie waren für mich aber viel weiter weg als etwa die Häuser in Leningrad oder Budapest.

Anfang der Achtzigerjahre sagte mir ein sowjetischer Kollege in Leningrad bei einem Kongress mit ganz leicht gedrückter Stimme, was doch die Mauer für eine schreckliche Sache sei. Als ich ihn unverständig anschaute, sagte er zu mir: Stell dir doch mal vor, hier mitten auf dem Newskiprospekt stünde eine Mauer, und wir könnten beide nicht über die Straße gehen. Das ist doch absurd. Das ist doch furchtbar. – Ich schwieg.

Wenige Jahre später traf ich mit einem Freund in Budapest zusammen, der als junger Mensch in Berlin gelebt hat, bis er und seine Familie von den Nazis vertrieben worden sind, weil sie Juden und Kommunisten waren. Dieser Freund sagte mir in etwa das Gleiche. Er war inzwischen Journalist und Mitglied der Kommunistischen Partei, aber sagte zu mir: Die Spaltung Deutschlands und die Spaltung Berlins sind doch absurd. Sie wird keinen Bestand haben. – Ich schaute ihn etwas unverständig an, aber diesmal war klar, eine Mauer quer durch Budapest, was für mich zu Hause in Berlin Normalität war, das war mir unvorstellbar.

Für die Gewalt und den Terror der Mauer gibt es eindrucksvolle Gedenkstätten. Es kommt aber darauf an, den Alltagswahnsinn dieser unheilvollen Missgeburt des Kalten Krieges allen Berlinern, allen Berlinerinnen und ganz Europa im Gedächtnis zu bewahren. Dafür sind Erinnerungspunkte im Stadtgebiet, die den Grenzverlauf aufzeigen, gut. Es sind nicht die monströsen Panzersperren oder Wachttürme, sondern es sind Kleinigkeiten, die vielleicht aus dem Alltag stammen, Lichtmasten, irgendein Stück Mauer, der Backstein ist und gar nicht an die Grenzanlage erinnert, Garagen von Grenzfahrzeugen, Postenwege, geheime Ausgucke auf dem Dach und auch diese merkwürdigen Zugänge zu manchen Häusern, die deshalb so merkwürdig sind, weil die Hauseingänge vermauert waren, weil die Straße Grenzgebiet war. Das sind alles solche Sachen, die den Alltag der Menschen auch im Hinterland bestimmten, die den Menschen im Gedächtnis bleiben sollten. Ob sie jetzt denkmalwürdig im engeren Sinn sind, das mag dahingestellt bleiben. Sie erinnern aber trotzdem an die Geschichte und das Leben mit der Mauer. Deswegen haben wir diesen Auftrag an den Senat hier formuliert und denken, es ist wichtig, denn nicht nur in Deutschland, nicht nur die Deutschen haben Mauern und Zäune durch Städte errichtet. Das gibt es auch woanders in der Welt. Diese Absurdität, diese Monstrosität von Grenzen durch Städte, soll allen in Erinnerung bleiben, damit so etwas möglichst nicht wieder vorkommt.


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