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Quelle: rbb-online.de

Gewalt an Frauen und Mädchen entschlossen entgegentreten

"Häusliche Gewalt darf kein Tabuthema mehr sein, denn jede Frau, die Gewalt erfährt, ist einmal Gewalt zu viel." sagt Ines Schmidt. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen beschließt das Abgeordnetenhaus einen überfraktionellen Entschließungsantrag.

67. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin, 19. November 2020

Zu "Gewalt an Frauen und Mädchen entschlossen entgegentreten" (Priorität der Fraktion der SPD)

Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion der CDU, der Fraktion Die Linke, der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und der Fraktion der FDP auf Annahme einer Entschließung
Drucksache 18/3154

Ines Schmidt (LINKE):

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Abgeordnete! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer an den Endgeräten!

Ehrlich gesagt, ich finde es furchtbar, immer wieder von diesen enorm hohen Zahlen von sexueller Belästigung, Nötigung, schwerer Körperverletzung, versuchten Totschlags oder Mord an Frauen zu lesen. Es geht mir jedes Mal unter die Haut, wenn ich lesen muss, dass letztes Jahr alleine in Berlin 15 646 Frauen Opfer von brutalen, zerstörenden Übergriffen auf ihre Körper wurden. Das sind 43 Angriffe pro Tag. Davon haben neun Frauen die Angriffe ihrer Partner schwersttraumatisiert überlebt, zehn Frauen haben es nicht geschafft. Sie wurden ermordet. Sie hinterlassen Kinder und Familien und das alles, weil ihr Partner ihnen in blinder Wut, häufig in rasender Eifersucht oder im Suff, schlimmste körperliche Qualen zufügte, die mit dem Tod endeten.

Wir als Gesellschaft müssen verstehen, was Gewalt an Frauen heißt. Das perfide an häuslicher Gewalt ist ja, dass es nie mit einem Schlag beginnt: Es beginnt mit einer spitzen Bemerkung, mit einer Lüge, mit Betrug oder einfach der Kontrolle des Handys. Gewalterfahrung wie zum Beispiel Vergewaltigung, körperliche Schläge, Beleidigung oder das Verbreiten von intimen Bildern sind wie schwarze Löcher, die sich in Frauen ausbreiten. Sie nehmen Besitz von Ihnen ein, werden in zeitlichen Abständen größer oder wieder kleiner. Manchmal verschlucken sie die Frau einfach restlos. Die Psyche wird den betroffenen Frauen einen Ausweg konstruieren: Sie wird sie in dem Glauben lassen, sie könnten aktiv an seinem Verhalten etwas ändern, könnten zum Frieden im Haus beitragen. Es mag Situationen geben, in denen es gelingt, durch Schweigen oder Unterwerfung weiterer Aggressivität des Partners eine Eskalation der Gewalt zu vermeiden: Eine betroffene Frau im achten Monat ihrer Schwangerschaft schilderte, dass sie seit drei Monaten kein Wort mehr mit ihrem Mann gewechselt habe und sich und ihr werdendes Kind so schützen konnte. Frauen entwickeln Überlebensstrategien. Es gibt einen Spruch: Auf partnerschaftliche Gewalt steht lebenslänglich, denn sie muss für immer damit leben.

Frauen sind nach Gewalt- und Trennungserfahrung traumatisiert. Sie können häufig erst nach langer Zeit – und ich meine nach Jahren – über das Erlebte reden bzw. Anzeigen erstatten. Sie empfinden Scham, zum Opfer gemacht worden zu sein. Sie leiden an körperlichen Erscheinungen wie Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Depressionen, Panikattacken. Diese müssen sie erst einmal überwinden. Was Frauen mit Sicherheit nicht gebrauchen können, sind Kommentare wie: Du musst ziemlich dumm gewesen sein, dass du es dir so lange bieten lassen hast. Oder: Man, warum bist du denn nicht einfach abgehauen?

Partnerschaftliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Das ist Fakt. Mal ganz ehrlich unter uns: Wir als Politik müssen dann auch die Frage beantworten: Wenn Frauen einfach gehen würden, wie sieht dann ihre Zukunft aus? – Es gibt immer noch zu wenige Frauenhausplätze, und wenn Frauen mit Kindern gehen, wissen wir hier doch alle: 60 Prozent aller Väter zahlen keinen Unterhalt, weil es verdammt noch mal ein Kavaliersdelikt ist. Einfach gehen heißt in den überwiegenden Trennungen: sozialer Abstieg – bis hin zur Armutsgrenze.

Zum Schluss noch etwas ganz Wichtiges: 75 Prozent der massivsten Angriffe gegen Frauen – Mord inklusive – passieren nach der Trennungsphase. Es sind nämlich die Männer, die nicht gehen lassen. Sie lassen die Frauen nicht in Ruhe. Aus diesem Grund fordern wir unter anderem in unserem Entschließungsantrag erstens: mehr Angebote zur Gewaltprävention in Kitas und Schulen, zweitens: eine schnelle und langfristige Finanzierung der Täterarbeit in Berlin, drittens: mehr Kapazitäten bei der Justiz sowie bessere Ausbildung und Fortbildung für Polizisten und Staatsanwaltschaft, viertens: mehr öffentliche Kampagnen zum Thema Gewalt an Frauen und Mädchen und fünftens: noch mehr und besser ausgestattete Frauenhäuser nach den Vorgaben der Istanbulkonvention.

Sehr geehrte Damen! Häusliche Gewalt darf kein Tabuthema mehr sein, denn jede Frau, die Gewalt erfährt, ist einmal Gewalt zu viel. Danke schön!

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