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Tierversuche reduzieren

"Der Weg der Zukunft ist nicht die alte Wissenschaft, die auf Tierversuchen basiert. Die neue Wissenschaft, die alles versucht, um Wissenschaft nach vorne zu bringen, nutzt vor allem Alternativmethoden.", sagt Michael Efler.

42. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin, 23. Mai 2019

Dr. Michael Efler (LINKE):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Vor zwei Tagen war ich im wunderschönen Wedding bei der Firma TissUse. Das ist ein Startup, eine Ausgründung aus der TU, das mittlerweile ca. 100 Patente angemeldet hat. Das Hauptprodukt der Firma ist ein sogenannter Multiorganchip oder auch Human-on-a-Chip. Ich habe den mal mitgebracht. Ich habe ihn nicht geklaut, sondern ich habe ein Muster bekommen. Das ist ein kleines Ding, auf dem – das ist jetzt schon Praxis – entweder zwei oder sogar vier menschliche Organe im Miniaturformat abgebildet werden können. Es existiert sogar ein Prototyp für zehn menschliche Organe. Diese Organe können auf Basis von Humanzellen im Miniaturformat abgebildet und miteinander verbunden werden. Es wird der menschliche Blutkreislauf abgebildet. Das eignet sich hervorragend für Medikamenten- und Chemikalientests. Das ist hochmoderne Spitzenforschung.

Das ist genau der Weg, den wir den Anträgen unterstützen wollen. Der Weg der Zukunft ist nicht die alte Wissenschaft, die auf Tierversuchen basiert. Die neue Wissenschaft, die alles versucht, um Wissenschaft nach vorne zu bringen, nutzt vor allem Alternativmethoden. Das ist Human-on-a-Chip, der Multiorganchip. Das sind viele andere Methoden, die schon der Kollege Taschner hier dargestellt hat.

Ganz klar ist: Die Fehlerquote beim jetzigen System ist unwahrscheinlich hoch. Wir haben eine Ausfallquote bei Medikamententests – das ist nicht meiner Zahl, sondern die von Biotechnologen, die das erklärt haben – von 92 Prozent. Das heißt, 92 Prozent aller Tests, die auf Tierversuchen basieren, kommen nicht einmal in die klinische Erprobung, weil sie so ungenau sind. Bei denen lohnt es sich nicht, weiter zu testen, geschweige denn in die Anwendung zu gehen. Das heißt aber auch, dass die Tiere, an denen dort getestet wird und die dort verbraucht werden, umsonst leiden und sterben und dass die Preise von der Pharmaindustrie in die Höhe getrieben werde. Am Ende zahlt der Patient die Zeche. Genau aus diesem System, Herr Grasse, wollen wir raus. Wir wollen eine Spitzenwissenschaft, was bedeutet, dass wir Alternativmethoden zu Tierversuchen fördern wollen.

[Beifall bei der LINKEN, der SPD und
den GRÜNEN]

Bei dem Besuch der Firma TissUse wurde auch noch gesagt, dass ca. 70 Prozent der Tierversuche, die es jetzt für Medikamentenstudien gibt, allein durch den Multiorganchips ersetzt werden können. Wenn man die Tierversuche insgesamt betrachtet, könnten 50 Prozent ersetzt werden. Das Fraunhofer-Institut, das diese Chips nicht verkauft, sagt auch, dass hier ein enormes Potenzial besteht. Genau das wollen wir eben weiter fördern, und das steht in beiden Anträgen drin. Das ist wirklich der Weg der Zukunft, und wer das nicht unterstützt, der ist einfach von gestern. Das muss man ganz klar sagen. Der ist nicht bereit, moderne Wissenschaft mit zu fördern.

Es ist schon angesprochen worden: Wir wollen auch das BB3R aufrechterhalten. Das ist ganz wichtig. Wir haben das angeschoben mit einer Startfinanzierung und dürfen nicht zulassen, dass eine solche Einrichtung wegbricht.

Ich will noch etwas zu dem Antrag „Tierversuche reduzieren I“ sagen, wo wir auch über Einschränkungen und Regulierungen sprechen. Wir haben hier in der Tat aufgeschrieben, welche Spielräume die EU-Tierver­suchs­richt­linie lässt. Wir wollen Tierversuche an Menschenaffen verbieten und Tierversuche, die mit schweren und voraussichtlich langanhaltenden Schmerzen verbunden sind. Es ist eben auch darauf eingegangen worden, warum das mit dem Menschenaffen so sein soll. Wenn man sich mal etwas genauer damit beschäftigt und sich die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten dieser Tiere ansieht und sieht, dass diese Tiere ein Selbstbewusstsein entwickeln können, finde ich es jedenfalls ethisch nicht vertretbar, an diesen Tieren herumzuexperimentieren. Ich kann das einfach mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, und ich glaube, ich stehe da auch nicht alleine. Schweden, Österreich und Holland haben diese Tierversuche verboten, und mir ist nicht bekannt, dass das einen Rückschritt in der Wissenschaft mit sich gebracht hätte.

Verhaltensforschung, sozialwissenschaftliche Forschung, ist natürlich weiterhin möglich und gewünscht, aber dafür muss man die Tiere doch nicht einsperren. Dafür kann man nach Afrika oder Asien fahren und dort wunderbare Studien von diesen Tieren machen, aber man muss doch nicht diese Tiere hinter Gitter sperren.

Last not least jetzt noch zum Berliner Hochschulgesetz, das schon angesprochen worden ist: Was wir hier wollen ähnlich wie im Klimaschutz, ist schlicht und ergreifend die Vorbildwirkung der öffentlichen Hand. Wir haben hier ein enormes Steuerungspotenzial mit den tollen Berliner Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Die sollen eben alles, was in ihrer Macht steht, dafür tun, um weitgehend – wir haben das nicht mit 100 Prozent formuliert – tierversuchsfrei in Lehre und Forschung zu arbeiten, und kein Studierender – wie Herr Taschner das mal war – soll gezwungen sein, in Berlin an Tierversuchen mitzuwirken, um das Studium abschließen zu können. Diesen Weg wollen wir gehen, und diesen Weg werden wir auch gehen.

Eines muss man auch noch klar sagen, weil hier mehrfach gesagt wurde, wir hätten nichts geändert oder hätten gar keine Erkenntnisse aus der Anhörung mitgenommen: Genau aufgrund der Anhörung und der Debatten und auch aufgrund des FDP-Änderungsantrags haben wir auch noch mal unseren Antrag geändert und haben gesagt, dass zum Beispiel für die Veterinärmedizin das zu 100 Prozent nicht umsetzbar ist, weil es hier bundesrechtliche Vorgaben gibt, wonach eben Studierende in dem Bereich Tierversuche machen müssen. Das haben wir verstanden, und deswegen haben wir es geändert. Wenn Sie es nicht zur Kenntnis nehmen, tut es mir leid, wir haben es jedenfalls gemacht.

Ich schließe damit, dass Alternativen zu Tierversuchen nicht nur ethisch geboten sind, sondern auch die Wissenschaft verbessern. Das ist der Weg der Zukunft. Wir gehen ihn, und ich hoffe, Sie gehen ihn mit. – Vielen Dank!

[Beifall bei der LINKEN, der SPD und
den GRÜNEN]


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