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Hochhäuser aus linker Perspektive

Fachgespräch

Aktuell sind in Berlin 95 neue Hochhäuser geplant. In vielen davon sind ausschließlich Büros, Gewerbe oder Luxuswohnungen geplant, und das obwohl in Berlin über zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche leer stehen und bezahlbarer Wohnraum in der ganzen Stadt fehlt. Kai Wegner träumt gar von einer “Skyline für Berlin”. Unsere Vision ist eine bezahlbare Stadt, die den Menschen und nicht den Investoren dient, in der nicht mit Boden spekuliert wird, ohne Wolkenkratzer und neue Bürotürme.

Doch wie kann eine linke Hochhauspolitik aussehen?
Können Hochhäuser zur Lösung des Wohnungsmangels in Berlin beitragen?
Wie flächeneffizient sind Hochhäuser wirklich?
Sind Hochhäuser aus ökologischer Perspektive eigentlich sinnvoll?
Wer profitiert von Hochhäusern?
Und wie wirken sich Hochhäuser auf unsere Kieze aus?

Wann? Freitag, 24. April 2026, von 16.00 bis 20.00 Uhr
Wo? Abgeordnetenhaus von Berlin,* Niederkirchnerstraße 5, Raum 311 

* Zum Betreten des Abgeordnetenhaus von Berlin ist eine kurze Sicherheitsüberprüfung samt Vorlage eines Lichtbilddokuments notwendig.

Wie war es?

Inputs
Michael Efler (Sprecher für Klimapolitik und Stadtentwicklung der Linksfraktion)
Theresa Keilhacker (Architektin, u.a. Mitglied im Berliner Klimaschutzrat)
Carsten Joost (Architects for Future, Planungsagentur Berlin)

 

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) äußerte 2024 nach einem Besuch in New York den Wunsch nach einer “markanten Skyline” für Berlin. Außerdem hat die zuständige Senatsverwaltung das Hochhausleitbild für Berlin kürzlich überarbeitet, um den Bau von Hochhäusern zu vereinfachen. Die Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus von Berlin nahm dies zum Ausgangspunkt, nach den Orientierungspunkten für eine linke Hochhauspolitik zu fragen. Hierfür lud sie am 24. April 2026 zu einem Fachgespräch ein, an dem rund 60 Interessierte aus der Zivilgesellschaft, der Fachwelt und der Wirtschaft teilnahmen. 

Grundsätzlich sei die Linke nicht gegen Hochhäuser. Es komme darauf an, ob Kriterien im Sinne des Gemeinwohls erfüllt seien, so Michael Efler, der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Fraktion, in seinem Eingangsstatement. 

Eine Pflicht zur Mischnutzung schwebt der Architektin Theresa Keilhacker vor. Anforderungen wie öffentliche Terrassen und Räume für eine gemeinwohlorientierte Nutzung seien im neuen, von der Koalition überarbeiteten Hochhausleitbild rausgefallen. Monofunktionale Nutzungen, also reine Bürotürme etwa, seien leichter und kostengünstiger zu realisieren.

Mit dem auf Bundesebene beschlossenen „Bauturbo“ für den Wohnungsneubau, eine befristete Sonderregelung, mit der ermöglicht wird, von Bebauungsplänen abzuweichen, sei ein Stückweit Willkür eingezogen. Dabei gäbe es in Berlin genügend Bestandshochhäuser, die, wenn man die Nachhaltigkeit ernst meine, saniert werden könnten. Ein Beispiel hierfür ist das landeseigene, mittlerweile abgerissene Bürohaus An der Urania. In der Tragstruktur eines bestehenden Hochhauses steckt viel graue Energie - die gesamte Energie, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Gebäudes aufgewendet wird, die bis zu 50 % des Lebenszyklus-Energieverbrauchs ausmachen kann. Als kleinteilige Lösung schwebt der Architektin eine Neudefinition der Hochhausgrenze vor, um an Kreuzungen Häuser um bis zu drei Geschosse aufstocken zu können. Besonders kritisch sind laut Keilhacker Hochhäuser ab einer Höhe von 60 Metern aufwärts: Ab dieser Höhe wird das Ortsbild maßgeblich verändert.

Der Architekt Carsten Joost von Architects for Future (A4F), einem Verein, der sich für eine nachhaltige Bauwende einsetzt, erläuterte, dass für Hochhäuser immens viel Energie aufgewendet werden müsse und der ökologische Fußabdruck somit weit über dem eines gewöhnlichen Gebäudes liegt. Darunter fällt zum Beispiel die Energie, die benötigt wird, um alles nach oben zu bringen, von den Aufzügen bis hin zum Wasser per Druckerhöhung durch elektrische Pumpen oder auch die Energie zur Klimatisierung des Gebäudes. Außerdem sinkt die Vermietungsfläche gegenüber einem niedrigeren Gebäude, da ein Sicherheitstreppenhaus erforderlich wird und die Verkehrsfläche im Verhältnis zur Wohnfläche erheblich zunimmt.

Workshop 1 “Hochhäuser am Alexanderplatz”

Mit Katrin Lompscher (Vorsitzende der Hermann-Henselmann-Stiftung, Senatorin a.D.) und Joachim Sichter (Stadtplaner)

 

Workshop 2 “Hochhäuser im Rudolfkiez und am Gleisdreieckpark” 

Mit Mitgliedern der Initiativen “Aktionsgemeinschaft Gleisdreieckpark” und “Kiez ohne Klotz”

In Workshop 1 wurde die Hochhausplanung am Alexanderplatz seit dem so genannten Kollhoff-Plan aus dem Jahr 1993 näher beleuchtet. Der Plan sah 13 Hochhäuser rund um den Platz vor, die in Konkurrenz zum Fernsehturm stehen. Zwei Hochhäuser werden derzeit realisiert: Im Warenhaus Galeria und auf dem Baufeld, das unmittelbar an den Eingang zur U-Bahnlinie U 2 angrenzt. Durch die Bebauung sackte der U-Bahntunnel ab, wodurch die U-Bahn monatelang gesperrt war. 

Gemeinsam gingen die Teilnehmenden dieses Workshops durch, welche Hochhäuser möglicherweise ohne Entschädigung gestrichen werden könnten und welche vertraglichen Bindungen noch bestehen. Ein Bebauungsplan sei zwar ein „örtliches Gesetz auf ewig“, erklärte der Stadtplaner Joachim Sichter. Es gäbe aber auch Fristen, nach deren Ablauf das Baurecht von der Kommune - ohne den Investor auszahlen zu müssen - geändert werden könnte. Die ehemalige Bausenatorin Katrin Lompscher sprach sich dafür aus, vorhabenbezogene Bebauungspläne aufzustellen. Diese hätten gegenüber einer Angebotsplanung für jeden beliebigen Investor den Vorteil, dass ein Baurecht an nur einen Vorhabenträger vergeben und dabei zeitlich begrenzt werden kann. Dieser Investor müsse dann auch die Kosten des Plans tragen.

Einen Bebauungsplan einfach zu streichen könne aber auch nicht die Lösung sein, so Joachim Sichter, da dann das Umgebungsbaurecht nach § 34 des Baugesetzbuches gelte. Wo dann ein Hochhaus stünde, könne ein weiteres gebaut werden, das „schaukele sich dann hoch.“ 

In Workshop 2 wurden zwei konkrete Hochhausprojekte in den Berliner Kiezen vorgestellt. Zunächst stellten Vertreter*innen der Initiative “Kiez ohne Klotz” die Planungen zum Wohnhochhaus im Rudolfkiez vor. Der geplante 167 Meter hohe Wohnturm sieht größtenteils Luxuswohnungen, Hotel- und Büronutzung vor und wird den Kiez dadurch nachhaltig verändern. Die Initiative kritisiert unter anderem, dass keine begleitende Infrastruktur geplant ist, weist auf drohende Verdrängung im Kiez hin und betont, dass Luxuswohnungen den Mietmarkt in Berlin nicht entspannen werden. 

Anschließend stellte ein Vertreter der Initiative “Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck” die geplanten Hochhäuser am Gleisdreieckpark vor. Hier sollen sieben Hochhäuser mit einer Höhe von bis zu 90 Metern entstehen. Die vorgesehene Baumasse sowie die Flächenversiegelung sind enorm. Vorgesehen waren ursprünglich außerdem keine Wohnungen, sondern ausschließlich Hotel, Büro und Gewerbe, obwohl Hotels in Berlin im Durchschnitt nur zu 50% ausgelastet sind und 2 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer stehen. 

Abschlusspanel

Mit Michael Efler (Sprecher für Klimapolitik und Stadtentwicklung der Linksfraktion), Niklas Schenker (Sprecher für Mieten, Bauen, Wohnen der Linksfraktion), Heike Sudmann (wohnungs- und verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft), Katrin Lompscher (Vorsitzende der Hermann-Henselmann-Stiftung, Senatorin a.D.).

Im Abschlusspanel fasste die Senatorin a.D. und Vorsitzende der Hermann-Henselmann-Stiftung, Katrin Lompscher, zusammen, dass ein Hochhaus abgelehnt werden müsse, wenn die Nutzung ausschließlich Investoreninteressen diene und kein Nutzen für die Anwohner*innen entstehe. Es sei daher wichtig, als Kommune eigene Planungsvorstellungen zu entwickeln. 

Theresa Keilhacker plädierte dafür, Hochhäuser nicht zu priorisieren. Es sollten vielmehr innovative Ansätze erprobt werden, durch eine dezentrale kleinteilige Vergabe und offene Architekturwettbewerbe.

Der mieten- und wohnungspolitische Sprecher der Fraktion, Niklas Schenker, sprach sich für eine differenzierte Sichtweise auf Hochhäuser aus. Ein gelungenes Beispiel sei das Projekt „Liese“ der landeseigenen Howoge, ein Wohnhochhaus mit 394 bezahlbaren Mietwohnungen und direkter Anbindung an den Nah- und Fernverkehr. Man müsse mehr über solch positive Beispiele sprechen. Die tatsächlich in Berlin stattfindende Debatte über 150 Meter hohe Hochhäuser, etwa am Kurfürstendamm, ginge am Ziel vorbei.

Dass das Hochhausleitbild viel mehr von den Investoren für das Gemeinwohl abverlangen müsse, betonte Theresa Keilhacker. Es gehe nicht an, dass Luxemburger Briefkastenfirmen die Berliner Verwaltung beschäftigen, um dann das Baurecht mit immensem leistungslosen Gewinn weiterzuverkaufen und die Bodenspekulation damit enorm anzuheizen. 

Über das Baukollegium, ein Beratungsinstrument für Bauherren zur Qualifizierung von Projekten, hinausgehend mahnte Theresa Keilhacker einen demokratischen Planungsprozess an. Wenn die Vorstellungen und Bedarfe vor Ort eingebracht werden könnten, sei die Debatte um Hochhäuser viel näher an den Menschen. Berlin habe eine muntere und rebellische Stadtgesellschaft, die sich gern einbringt, ergänzte Katrin Lompscher.

Durch die Diskussion gab es wichtige Hinweise, in welchen Punkten das Hochhausleitbild nach den Wahlen in der neuen Legislatur verändert werden sollte. Bei einer anstehenden Überarbeitung des Hochhausleitbildes sollte beispielsweise unbedingt aufgenommen werden, eine Pufferzone auszuweisen, damit nicht für den Fall, dass eines oder mehrere Hochhäuser bereits existieren, für weitere Hochhäuser automatisch Baurecht entsteht. Investorengewinne müssen abgeschöpft werden, Baurecht für neue Bürohochhäuser soll es nicht geben. Ein Hochhausleitbild ist wichtig, um Kriterien und Qualitäten zu definieren, an die sich dann alle halten müssten, lautet eine der Schlussfolgerungen aus dem Fachgespräch, das auf hohem fachlichen Niveau stattfand und viele Anregungen bot – für parlamentarische Initiativen der Fraktion Die Linke in der nächsten Wahlperiode wie auch für die Zivilgesellschaft vor Ort in den Kiezen und Bezirken. 

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