Die Wohnküche in Zeiten der Wohnungsnot: Zum Erbe einer feministischen Wohnungsutopie.
Veranstaltung im Rahmen des Weltfrauentags
Auf dem Berliner Wohnungsmarkt setzen sich zunehmend Wohnpraktiken durch, die soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten räumlich verfestigen. Alleinerziehende, insbesondere Mütter, werden häufig in Wohnungen untergebracht, die formal als Zwei-Zimmer-Wohnungen gelten, tatsächlich jedoch nur aus einem separaten Zimmer und einer Wohnküche bestehen. Die Konsequenz ist, dass Alleinerziehende selbst in Neubauten gezwungen sind, in der Wohnküche auf Schlafsofas zu schlafen. Damit wird Privatheit systematisch entzogen. Erholung, Rückzug und Sorgearbeit werden in einen einzigen Raum gedrängt, der zugleich Küche, Wohnraum und Schlafzimmer ist. Was als flexibel und modern verkauft wird, bedeutet in der Realität eine dauerhafte Mehrfachbelastung und fehlende Rückzugsmöglichkeiten für Alleinerziehende.
Diese Wohnformen sind kein Zufall, sondern Ergebnis marktgetriebener Wohnungsproduktion, politischer Steuerungsentscheidungen und überholter Wohnleitbilder, die sich am Modell des Paarhaushalts orientieren. Der vermeintlich neutrale Zuschnitt der Wohnungen folgt Renditeinteressen und spart Fläche auf Kosten von Menschen, deren Lebensrealitäten nicht in dieses Modell passen.
Der Vortrag ordnet diese aktuelle Entwicklung historisch ein und zeigt, dass Fragen von Wohnen, Küche und Geschlechterverhältnissen seit dem späten 19. Jahrhundert eng miteinander verbunden sind. Sozial engagierte Frauen* der frühen Frauenbewegung kämpften in den Arbeiter*innenquartieren der Großstädte für bessere Wohnverhältnisse und entwickelten alternative Wohn- und Küchenkonzepte, die auf die gemeinschaftliche Vergesellschaftung von Haus- und Sorgearbeit zielten. Diese Ideen wurden in unterschiedlichen historischen Momenten, etwa im Roten Wien oder in den Wohn- und Lebensgemeinschaften der 1960er Jahre, weitergeführt und neu verhandelt. Ausgehend von der These, dass Wohn- und Küchenräume stets Ausdruck gesellschaftlicher Geschlechterordnungen sind, spannt die Veranstaltung einen Bogen bis in die Gegenwart und fragt nach dem feministischen Gehalt heutiger Wohngrundrisse und -küchen.
Vortrag und Diskussion mit Dr. Carolin Genz, Stadt- und Wohnforscherin mit interdisziplinärer Expertise in Geografie, Anthropologie und Urban Design. Sie arbeitet zu sozial-ökologischen Transformationsprozessen mit Schwerpunkt auf Wohnen, Protest, Gender und sozial-räumlichen Praktiken.
Im anschließenden Gespräch mit Claudia Engelmann und Niklas Schenker diskutieren wir, wie die Forderung „Ein Zimmer für sich allein“ (Virginia Woolf, 1929) angesichts heutiger Wohnrealitäten politisch eingelöst werden kann.
Der Vortrag findet am Dienstag, den 17. März 2026 von 18.00 bis 20.00 Uhr im Abgeordnetenhaus von Berlin, Raum 113, Niederkirchnerstraße 5, 10111 Berlin statt.
Eine Teilnahme ist vor Ort und digital möglich. Wegen begrenzter Platzkapazitäten im Berliner Abgeordnetenhaus bitten wir um vorherige Anmeldung, ob Teilnahme vor Ort oder digital angestrebt wird.


