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Auf den Trümmern der gegenwärtigen Vergangenheit

von Carola Bluhm

PDS-Fraktionssitzung April 1991, v.l.n.r. Dagmar Pohle, Karin Dörre, Carola Bluhm (damals Freundl).

Schaut man Bilder an, die den Osttteil unserer Stadt im Jahr 1991 zeigen, kommt das einer unglaublichen Zeitreise gleich. Aufbruch und Brache, runtergekommen und erhaltenswert, geradezu ikonografischer Abgesang und noch nicht zu sehender, aber zu spürender Neuanfang. Der steinerne Kopf Lenins, als schliefe er, zum Abtransport festgezurrt, Niemandsland am einstigen Mauerstreifen, jedermanns Hoffnung auf eine bessere Zeit.

„Die Stadt, eigentlich unser ganzes in malerischen Trümmern liegendes Land, war wunderschön“, schrieb Peter Richter in seinem Roman „89/90“. Und das stimmte. Berlin war wunderschön und irgendwie lag es aber auch in Scherben. Das sollte nun politisch zusammengeführt, aus zwei Teilen ein Ganzes gemacht werden. 

Die ersten Jahre waren für unsere Fraktion, die damals PDS hieß und sich auf den Trümmern einer unglaublich gegenwärtigen Vergangenheit positionieren und finden musste, eine ziemlich harte Zeit.

Wir waren die, denen man einen Neuanfang, einen Aufbruch am wenigsten zutraute. Und dafür gab es erst einmal viele gute Gründe. Standen wir doch, schon unseres Namens wegen, wie keine andere Partei im politischen Raum für das, was gewesen ist und vorbei war. Während andere schnell ein Mäntelchen gefunden hatten, das sich gut in den Wind hängen ließ, und wieder andere, die den Aufbruch und die Wende herbeigeführt hatten, schon nicht mehr zu den mitbestimmenden politischen Akteur*innen gehörten. In gewisser Weise war diese Zeit, in der unsere Fraktion zum ersten Mal Teil des politsch-parlamentarischen Systems der ganzen Stadt Berlin wurde, ein Zurücksetzen auf Null.

Rasant, was die politischen Entwicklungen und Entscheidungsprozesse betraf, auf notwendige Art zäh, was die Selbstbefragung und Aufarbeitung anbelangte. Das bedeutete zuerst einmal viel Auseinandersetzung und Streit. Ich habe das in guter Erinnerung, ohne zu verklären, dass es auch grenzwertig war und nicht selten die Kräfte zu übersteigen drohte. Wir mussten ja an unsere Grenzen gehen, nachdem DIE GRENZE gefallen war.

Werner Mittenzwei hat es in seinem Buch „Die Intellektuellen“ so beschrieben: Die Ostdeutschen versuchten, mit diesem neuen Leben zurechtzukommen. Es war nicht wenig, was ihnen willkommen war. Aber es wurde ihnen auch zu verstehen gegeben, dass sie falsch gelebt hätten. Sie wollten nicht zurück, wollten aber auch ihr vergangenes Leben nicht preisgeben, das der Erinnerung wert war. Was die Ostdeutschen von den Westdeutschen unterschied, waren die Erfahrungen,…, die sie gemacht hatten. Sie konnten vergleichen.“

Genau das, denke ich, hat uns am Anfang geholfen. Wir haben Politik gemacht, schnöde, notwendige Tagespolitik unter den Bedingungen großer Skepsis bis hin zur Ausgrenzung uns gegenüber. Und wir haben uns nach diesem Tagwerk die Köpfe heiß und wund geredet. Stundenlang, in einer Intensität, wie ich sie später nur noch selten erlebt habe. Wir haben dies mit der Erfahrung, dass ein Gesellschaftssystem innerhalb kurzer Zeit untergehen und der Vergangenheit angehören kann, verbinden können.

Ich erinnere mich, dass ich oft, nach diesen Diskussionen und spätnachts, nach Hause zu meinen damals noch kleinen Kindern gegangen bin und mich gleichzeitig wie betäubt und unglaublich lebendig gefühlt habe. Viele Leben mussten gleichzeitig gelebt werden und es gab keine Erfahrungswerte. Auch nicht, was das Zusammenraufen völlig unterschiedlich sozialisierter  Menschen anbelangte, die als einzigen Fix- und Haltepunkt den Wunsch reklamieren konnten, linke Politik machen zu wollen. Für diese Stadt, für die Menschen – vierzig Jahre geteilt, von einem Tag auf den anderen eins, aber noch lange nicht ein Gemeinsames.

17 Jahre Opposition und 14 Jahre Regierungsbeteiligung stehen heute zu Buche. Schnöde Zahlen. Erfolge, Misserfolge, Fehler, Wegweisendes – da ließe sich eine lange Liste aufmachen. Kein Platz an dieser Stelle dafür.

Aber die Grundlagen, die Basis dafür, dass wir heute sind, wo wir sein und gestalten können, die sind in jenen Monaten des Jahres 1991 gelegt worden, als sich unsere Fraktion gründete. Ich war all die Jahre dabei und will sagen: Wer das damals prophezeit hätte, wäre sicher auf nicht allzu viel Zustimmung gestoßen. Aber versuchen wollten wir es und das haben wir auch gemacht.


Kontakt

Foto: DIE LINKE. Berlin
Carola Bluhm, 1999.

Carola Bluhm (*1962) wurde 1990 zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Ost-Berlin gewählt und 1991 zum Mitglied des Gesamt-Berliner Abgeordnetenhauses, sie war von 1995-2001, 2006-2009 sowie von 2016-2020 Fraktionsvorsitzende von PDS und Linksfraktion, von 2009 bis 2011 gehörte sie als Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales dem rot-roten Senat an.