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Ausbildung: schulisch und dual

50. Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin, 28. November 2019

Zu "Für eine Reform der beruflichen Bildung: Evaluation der Anschlussfähigkeit der Ausbildungsgänge"  (Priorität der Fraktion der FDP)

Franziska Brychcy (LINKE):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Frau Dr. Jasper-Winter! Bevor ich zu Ihrem Antrag komme, eine kleine Vorbemerkung: Am 7. November haben wir im Ausschuss für Integration, Arbeit und Soziales die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt in Berlin diskutiert und festgestellt, dass die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen bei ca. 16 000 stagniert. Dem stehen knapp 22 000 gemeldete Bewerber und Bewerberinnen auf einen Ausbildungsplatz gegenüber. Damit haben junge Menschen in Berlin weiterhin bundesweit die schlechtesten Chancen, einen dualen Ausbildungsplatz zu erhalten.

Die Ausbildungsbetriebsquote liegt in Berlin mit 11 Prozent weit unter dem Bundesdurchschnitt von 20 Prozent. Das ist die aktuelle Situation. In Ihrem Antrag, liebe Frau Dr. Jasper-Winter, geht es aber nicht etwa darum, wie Betriebe motiviert werden können, auszubilden oder noch mehr Ausbildungsplätze anzubieten als bisher, sondern um das Ziel, vollzeitschulische Bildungsgänge einzustellen. Das wird aber die grundsätzliche Schieflage auf dem Ausbildungsmarkt in Berlin nicht beheben. Ohne mehr Engagement der Betriebe bei der Ausbildung werden junge Menschen Berlin nicht die gleichen Bildungschancen haben wie in anderen Bundesländern, und das ist fatal.

Vizepräsidentin Cornelia Seibeld:

Frau Kollegin! Gestatten Sie Zwischenfragen?

Franziska Brychcy (LINKE):

Nein, danke! – Nun konkret zu dem Antrag: Die breit angelegte Projektgruppe Weiterentwicklung und Stärkung der beruflichen Schulen und OSZ, kurz: ProWebeSO, hat von 2015 bis 2018 genau das getan, was Sie jetzt einfordern. Sie hat sich die unterschiedlichen Standorte und Bildungsangebote detailliert angesehen und umfangreiche Handlungsempfehlungen erarbeitet, teilweise mit wissenschaftlicher Begleitung der neuen Bildungsgänge wie IBA und dem Berliner Ausbildungsmodell – BAM –, welche schneller und erfolgreicher in die duale Ausbildung führen. Das Besondere ist hier die Bildungsgangbegleitung, die zwar ressourcenintensiv ist, aber Strukturen schafft, in denen junge Menschen sich sehr gut in Richtung betriebliche Ausbildung orientieren können.

Jedoch muss immer die oder der Jugendliche mit seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen. Es gibt Fälle, in denen eine duale Berufsausbildung aus ganz unterschiedlichen Gründen keine realistische Option ist, das Land Berlin einspringt und eine schulische Ausbildung, z. B. in einer Berufsfachschule, anbietet, damit möglichst trotzdem ein Ausbildungsabschluss erreicht werden kann. Und da finde ich es essenziell, dass die Bildungsverwaltung klar geäußert hat, dass kein Bildungsangebot abgebaut wird, wenn kein entsprechendes duales Pendant dafür geschaffen wird, und dass genau die bisherige Gruppe von Adressatinnen und Adressaten auch real dieses Angebot nutzen kann. Wenn sich Betriebe hier mehr engagieren und jungen Menschen, die diverse Förder- und Entwicklungsbedarfe haben, eine Chance auf einen dualen Ausbildungsplatz eröffnen würden, würde ich das sehr begrüßen.

Für diese Koalition steht außer Frage, dass jedem jungen Menschen eine Ausbildung garantiert werden muss, auch wenn sie oder er keinen dualen Ausbildungsplatz finden. Wir haben auch Bildungsgänge, wo es schlicht kein duales Pendant gibt, z. B. Metallografie beim Lette-Verein. Eine detaillierte Bestandsaufnahme zu den Bildungsgängen hat ProWebeSO bereits geleistet. Es braucht jedoch auch eine Akzeptanz dafür, dass unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliche Bildungsangebote benötigen. Ich bin immer dafür, die duale Ausbildung zu stärken, aber ohne mehr Engagement der Betriebe werden wir nicht auf Zuruf der Wirtschaft schulische Ausbildungsgänge einfach streichen, die im Moment die einzige Chance auf eine Ausbildung für einen Teil junger Menschen in Berlin darstellt.

Die Umsetzung einiger der Handlungsempfehlungen aus ProWebeSO ist noch nicht abgeschlossen, aber bei der Entscheidung über ganze Bildungsgänge muss es um Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen. Wie gesagt, ohne mehr betriebliches Engagement werden junge Menschen aus Berlin nicht die gleichen Bildungschancen haben. Da freuen wir uns über jedes weitere Angebot der Betriebe. – Danke!


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